Die 10 Federzeichnungen

III. Gruppe

Verschwörung der Konversen gegen den Abt

Von Gründung und Wachsen des Klosters, von seinen weltlichen Gütern und Rechten und seinem geistlichen Schatz erzählen die Zeichnungen. Aber die Schlußtafeln wissen auch von Unruhe, Trotz, Widerstand gegen die Strenge der Regeln. Sie lassen aus der Klostergeschichte eine tumultartige Episode ersehen, den Beginn einer Verschwörung, die die Entwicklung des Klosters tiefgreifend hätte stören können, wenn sie nicht durch einen Zufall im Keim erstickt wäre. Von dieser Stiefelrevolte hat Abt Konrad von Eberbach, dem Mutterkloster Schönaus, berichtet, aufgrund von Mitteilungen seines Vorgängers, der die Begebenheit selber erlebt hat. Zeitlich fällt die Episode noch vor das Noviziat der Hildegunde, spätestens 1182. Dennoch bleibt es sinnvoll, die Bilder an den Schluß zu sezten. War das Geschehnis auch durch die schnelle Lösung für die Geschichte des Klosters Schönau unwesentlich, es wuchs noch lange Reichtum und Bedeutung der Abtei.

Von Aufsässigkeiten der Möche erzählen uns öfter Chroniken und Legenden. Kloster Citeaux war einst vom hl. Robert gegründet, weil er als Abt zu Molesme vergeblich gegen die Unbotmäßigkeit der Mönche angekämpft hatte. Das Volk in Heidelberg wollte wissen, daß die Benediktinermönche auf dem Heiligenberg einmal den Abt gebunden und eingesperrt hatten, um eine Nacht bei Wein, Brot und Kuchen zu prassen. Denn ihr hartes Hafer- und Kleienbrot schmeckte ihnen bitter, als sie sahen, welche leiblichen Genüsse den reichen Schönauern gestattet waren. Doch das ist eine Sage mit frommen Mirakel ausgeschmückt. Öfter bezeugt aber ist, wie im Zisterzienserorden die Konversen durch Widersetzlichkeit und Machthunger das feste Gefüge der Klöster erschütterten. Was lag auch näher? Sie mußten bald erkennen, daß in ihnen der wirtschaftliche Aufschwung des Ordens ruhte. Sie waren der Zahl nach den Mönchen überlegen, der Stellung nach ihnen untergeordnet. Konnten die Konversen im Bereich der Klostermauern auch zunächst leicht in Zucht gehalten werden, auf den Außenhöfen waren sie trotz aller Maßnahmen schwerer zu überwachen. Da reckte sich dann wohl bei dem wachsenden Reichtum der Klöster der Wille auf, sich Vorteile, Erleichterungen und eine freiere Stellung gegenüber den "Herren" zu verschaffen. War aber einmal erst der Geist des Widerstandes geweckt, so konnte er auch leicht auf die Laienbrüder im Kloster überspringen. Unter diesen war sogar in Schönau der Rädelsführer der Revolte, an der, wie es schein, die Konversen auf den Höfen beteiligt gewesen sind. Das Mutterkloster Eberbach sah übrigens um 1200 ähnliches.

Gegen die Regel des Ordens hatte sich in Schönau die Sitte eingeschlichen, daß die Stiefel der Konversen und Mönche nicht bis zur Unbrauchbarkeit aufgenutzt wurden. Vielmehr wurden alljährlich neue Stiefel ausgeteilt. Abt Godefridus, der früher in einem anderen Kloster Mönch war, wollte nun die Ordnungswidrigkeit abstellen und ging mit festem Willen aber viel Geduld dagegen an. Erst redete er gütlich zu, ermahnte, dann befahl er. Die Mönche hatten gleich Verständnis für den Wunsch des Abtes, die Konversen aber versteiften sich in Trotz. Zumal einer, der das Mönchsdormitorium zu besorgen und die Stiefel zu bewahren hatte, ließ es sich angelegen sein, daß das Gezischel und Murren in den Winkeln nicht ausging. Da drohte der Abt Fasten bei Wasser und Brot an für den, der das Schweigegebot bräche. Mehrfach mußten wirklich die Rädelsführer büßen. Aber nicht Strafe noch ermahnendes Zureden fruchteten. Der Verwegene stachelte schließlich die Gefährten zu direktem Aufstand an: am heiligen Abend wollten sie in Abwesenheit der Mönche in das Dormitorium steigen, deren Stiefel von den Betten wegnehmen, mit Messern zuschneiden und zerreißen. Aber vor der Ausführung des schändlichen Planes stürzt plötzlich der Anstifter mit lautem Schmerzensschrei zusammen und ist tot. Ohne Buße ist er dahingegangen. Entsetzt erkennen die übrigen Frevler ihr gottloses Tun und gehen in sich ...

III. Gruppe, Bild 8

Federzeichnung 8 (1,3 MB)Es verschmähen die Conversen alte Stiefel zu tragen, was Godefridus der Abt scharf mit Strafe bedroht.

Wir sind in einem nüchternen Vorratsraum. Der Abt zeigt die Stiefel überredend und doch mit einem Zug von Verachtung. Seine Worte prallen zurück von zornigen, höhnischen und verbissenen Gesichtern. Dicht drängen sich die Widerspenstigen zusammen, als fühlte jeder in der Nähe des andern seinen Mut wachsen. Der Wortführer steht in vorderster Reihe, der Schlüsselbund am Gürtel macht ihn kenntlich. Abseits halten sich ein paar Herrenmönche zurück, sie mißbilligen den Trotz der Konversen, sind dem Abt ergeben. Jede Gestalt ist innerlich beteiligt an dem Vorgang, keine wirkt als Statist.

Rechts sind wir im Kapitelsaal. Der Abt hat sich die Hauptschuldigen kommen lassen, redet vor allem dem Mann mit dem Schlüsselbund ins Gewissen. Mahnt zu Demut und Buße und verkündigt feierlich, kehre er nicht um, so werde ihn in Kürze das Strafgericht Gottes ereilen. Dem Verstockten hockt der Teufel auf den Schultern. Mit seinem Geierschnabel, aus dem lüstern die Zunge lang vorschnellt, scheint er zu flüstern: nicht nachgeben.

 

 

III. Gruppe, Bild 9

Federzeichnung 9 (1,9 MB)Es verschwören sich Brüder, der Herren Gebot zu vereiteln, was aber Gott verhindert durch des Verschwörers Tod.

In einem Raum des Konversenhauses stecken sie die Köpfe zusammen und wieder bläst der Böse ein, stachelt auf zu größerer Sünde. Diesmal ist der Teufel schweinsköpfig gezeichnet.

Auf der Freitreppe des Konversenhauses stürzt der Teufel auf den Hauptschuldigen und reißt ihm den Kopf ab. Entsetzt fliehen die Gefährten. Ahnungslos schreitet unten, zu ebener Erde, ein Mönch den Gang ab, ein Licht in der Hand. "Wie es scheint, wurde nach der Schönauer Überlieferung die Ausführung des Unternehmens dadurch verhindert, daß im entscheidenden Augenblick die Laienbrüder, durch das Licht eines Mönches überrascht, die Flucht ergriffen, wobei durch einen Fall der Rädeslführer das Genick brach." (Hufschmid)

 

 

 

III. Gruppe, Bild 10

Federzeichnung 10 (2,1 MB)Godefridus der Abt will im freien Feld den Frevler begraben, doch inständiges Fleh'n erreicht ein geweihtes Grab.

Nun ist der Widerstand der Aufrüher gebrochen. Das letzte Bild zeigt sie knieend, demütig bittend, auf dem Friedhof. In der alten Fußbekleidung offenbar, denn der Mann im Vordergrund hat gar geflickte Sohlen. Der Abt will den Elenden im freien Feld begraben lassen, jeder, der nicht im Frieden mit der Kirche starb, hat ein Grab in geweihter Erde verwirkt. Geweiht aber wird der Friedhof, damit böse Dämonen nicht Zugang finden, der heilige Boden schützt den Toten, hilft ihm mit zum Heil. Nichts Furchtbareres konnte der mittelalterliche Mensch sich denken, als von der Ruhestätte zwischen den Frommen ausgeschlossen zu sein. Ingrimmig lauert draußen der Teufel: er weiß, tragen sie jetzt den Toten heraus, verscharren ihn irgendwo außerhalb des Friedhofs, so gehört seine Seele ihm. So bitten die Konversen für ihren Bruder, für den sie schon ein Grab ausgehoben haben. Und geloben, sie wollten künftig ablassen von ihrem bösen Tun. Nie wieder soll ein Wort über neue Schuhe über die Lippen entschlüpfen.

Auch der Tote erhebt noch flehend seine Hände. Endlich erlangen sie durch ein herzliches Bitten das Grab in geweihter Erde. Das Unheil ist abgewendet, die Autorität des Abtes, der für seine Untergebene Gottes Stellvertreter ist, wiederhergestellt.

Nicht allzulange später, 1196, geschah in Volkerode, einem Zisterzienserkloster nördlich des Thüringer Waldes, daß auch dort die Konversen eine Verschwörung anzettelten. Die Hauptanstifter wurden vom Generalkapitel exkommuniziert. Bald darauf starb einer von ihnen und der Abt ließ ihn gegen Vorschrift kirchlich bestatten. Für die Ordnungswidrigkeit wäre der Abt fast abgesetzt worden. Nur darum, weil ihn die gute Absicht gleitet hatte, die aufgespeicherte Erbitterung einzudämmen und der Leichnam noch vor dem Generalkapitel von ihm mit eigener Hand ausgegraben war, entging er der entehrenden Strafe. Aber er mußte 6 Tage in leichter Schuld sein, durfte 40 Tage seinen Abtssitz nicht einnehmen, hatte solange jeden Freitag bei Wasser und Brot zu fasten und sich aller gottesdienstlichen Handlungen zu enthalten.

Für die Zukunft aber, so bestimmte das Generalkapitel, sollte jeder Abt, der gleiche Schuld auf sich lud, von seinem Vaterstab ohne Widerspruch abgesetzt werden. Gewiß hat Godefridus Nachfolger vom Generalkapitel zu Citeaux diese Kunde mitgebracht nach Schönau und ergriffen mögen die Mönche an jenem Tag gedacht haben, als Abt Godefridus dem Anstifter der Stiefelrevolte, der glücklicherweise noch vor Ausführung seines Anschlags starb, das Grab auf dem Friedhof gewährte.

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